Babys ersten Jahre - und wie du sie meisterst
- vor 7 Stunden
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Ein Baby zu bekommen ist ja sooo romantisch, oder?
So ein süßes niedliches Wesen, man selber überglücklich im Mutterglück, nichts tut weh, man spürt seine eigenen Bedürfnisse nicht mehr, Schlaf braucht man eh bereits seit dem dritten Trimester nicht, und die eigene körperliche Gesundheit (und Unversehrtheit) ist fortan eine Selbstverständlichkeit.
Du funktionierst, und zwar liebend gern.
BATSCH.
Bis die Backpfeife der Realität zuschlägt.
Nein, so läuft es nicht im so genannten Mutterglück.
Die Realität holt einen schneller ein als man Mutter buchstabieren kann. Ein Baby zu bekommen ist der härteste Job der Welt, nur leider erzählt einem das vorher niemand. Und - Hand aufs Herz - es glaubt einem schlichtweg vorher auch keiner;). Da kann ich noch so sehr rufen: „Babys sind Schwerstarbeit! Es ist knallhaaaart!“, mir wird niemand glauben, so lange man nicht am eigenen Leib erfährt, wie hart die Nuancen des Kinderkriegens wirklich sind.
Wie groß und weitläufig die Romantisierung des Elternwerdens ist, das wird einem erst zur Geburt wirklich klar: die abfälligen Blicke der anderen, der Verlust der eigenen Würde und Identität, die körperlichen Risse und Wunden, der bodenlose Schmerz zwischen zwei Welten - der Liebe zu seinem Kind und der des heimlichen Wunsches nach seiner kinderlosen Vergangenheit.
Ja, Kinder zu haben ist sehr schwer und wirklich harte Arbeit. Und ja, jede Mutter und jeder Vater wünscht sich in Anbetracht dieser Schwere häufig klammheimlich sein altes, kinderfreies Leben zurück. Sogar Eltern, die vorher jahrelang einen unerfüllten und sehr schmerzhaften Kinderwunsch hatten.
(Ich verzichte hier extra auf den misogyn gefärbten Satzteil „auch wenn man sein Kind liebt“, denn davon gehe ich aus. Raus aus dem Rechtfertigungsdschungel.)
Und weil ich möchte, dass DU darauf vorbereitet bist, dass es dir DIR gut geht und du dir eine möglichst schöne Zeit mit Kind machen kannst, schreibe ich dir heute einen Bootcamptext für die ersten zwei Babyjahre - und wie du sie meisterhaft gestaltest, ohne dabei unterzugehen. Denn das ist das Schwierigste: sich von der Baby-Realitätsklatsche nicht völlig zu verlieren.
Widerstehe, dir dein altes Leben zurückzuwünschen
Ja, man wusste vorher nicht, wie gut man es hatte.
Sooooo viel Zeit! (Was zum Humbug hat man eigentlich früher mit all der freien Zeit angestellt?)
So viel Selbstbestimmung!
So viele ruhige Toilettengänge, und selbst Duschen glich einem Spa-Besuch verglichen mit der Extremsituation jetzt, wenn man es denn mal in die Duschkabine schafft.
Man konnte sich verabreden, wann man wollte, ausgehen, in Ruhe sein Essen genießen (den Teil vermisst man wohl mit am meisten), spazieren, Latte trinken und auf einer Parkbank ein Buch lesen, ins Kino, selbst Arbeiten… ach, da wird man ja gleich ganz melancholisch, wenn man an all die Freiheiten zurückdenkt, nicht wahr?
STOPP!
Kaum hat man ein Baby geht’s erneut mit Romantisierung los, aber dieses Mal in die andere Richtung: der Romantisierung deiner Vergangenheit.
Nein, früher war nicht alles besser, auch wenn du bei weitem nicht so fremdbestimmt warst. Denn wer sehr viel Zeit hat (und die hat man zweifelsfrei ohne Kinder), der hat auch sehr viel Zeit zum Nachdenken.
Ich weiß nicht, ob es dir schon mal aufgefallen ist, aber früher war man auch irgendwie trauriger, oder? Ja, der Stress hat deutlich zugenommen und mitunter auch Unzufriedenheit aufgrund der Fremdbestimmung - aber ist man nicht tief, tief unter all dem Adrenalin und den unerfüllten Bedürfnissen dennoch irgendwie erfüllter?
Ich glaube, dass es erstens daran liegt, dass man nun endlich ein höheres Ziel als die eigene Bedürfnisbefriedigung vorgegeben bekommen hat, denn Selbstlosigkeit erfüllt uns Menschen, da bin ich mir sicher. Und zweitens hat man auch einfach nicht mehr so viel Zeit, „nachzudenken“.
Wie wird das oder jenes, und ach mein innerer Schweinehund, jetzt nochmal eine Folge Netflix, und das Sofa ist so gemütlich und ich irgendwie so depri…
Mit einem Baby hast du für all das gar keine Zeit mehr! Du musst jetzt FUNKTIONIEREN, und zwar dalli und zwar pronto!
Und wenn du mal eine Stunde für dich hast, dann musst du dich endlich mal duschen, da ist nichts mit nachdenken und netflixen all day.
Früher war nicht alles besser, und glaub mir, ohne Kind ging es dir nicht besser, auch wenn du das gerade noch so sehr glaubst, weil deine Bedürfnisse einfach so derbe brachliegen wie eine leergesoffene Oase in der Wüste.
Glücksempfinden ist eine etwas komplexere Angelegenheit, und die Erfüllung deiner Träume und Wünsche ist tatsächlich gar nicht so zufriedenstellend, wie du vielleicht erwartest. Denn es ist so: die unterste Schicht des Glücks ist der Konsum - das Netflixen, dein Lieblingsessen, die Urlaube und das Bummeln bei strahlendem Sonnenschein. Es macht glücklich, aber nur sehr kurz und leider auch sehr oberflächlich.
Als zweite, schon etwas wichtigere, Stufe ist die Produktion: hier bist du es selbst, die erschafft, die kreativ tätig wird, die lernt und ausdrückt. Viel erfüllender als Ersteres, aber so richtig tragfähig ist es auch noch nicht.
Erst die dritte Stufe macht wirklich, wirklich glücklich - auch wenn es sich im ersten Moment nicht unbedingt danach anfühlt.
Die Selbstlosigkeit.
Das Sich-Kümmern um andere, das Beschenken und Versorgen - DAS macht einen auf einer viel tieferen Ebene glücklich, als einfach nur Konsum oder Produktion.
Also lass deine Vergangenheit links liegen, und sei dankbar, für den wunderbaren Schatz, den du bekommen hast: Der Schatz, der dir die Möglichkeit gibt, ein wirklich erfülltes Dasein zu verbringen.
Der Tag ist lang, aber die Jahre sind kurz
Ich habe letztens aufgeschnappt, dass wir nur 2% unseres Lebens mit kleinen Kindern verbringen.
2% !
Zwei Mini Prozent, in denen wir uns so hingebungsvoll und intensiv um unsere Kleinsten kümmern dürfen, bevor sie selbst groß werden und später mal in die weite Welt hinausziehen. Sorge dafür, dass die ersten Babyjahre später nicht wie Fetzen vor deinem inneren Auge hängen, weil du diese kostbare Zeit melancholisch und überfordert abgesessen hast.
Kinder werden wirklich sooo schnell groß, man muss den Augenblick mit beiden Händen festhalten. Du wirst sehen, deine Bedürfnisse werden schneller als du jetzt noch denkst wieder vollends erfüllt werden können - aber die Zeit wird dir niemand mehr zurückbringen.
Wenn sie vorbei ist, ist sie vorbei.
Also nutze die Zeit, nutze den Tag!
Auch wenn es anstrengend ist, auch wenn du mal wieder wie eine Vogelscheuche aus dem Bett in die Kindererziehung hineingestolpert bist, auch wenn du müde bist. Sei dir dessen bewusst, dass die Zeit nicht lange anhält und dein Kind nie wieder ein Baby sein wird.
Wir fürchten so sehr den Tod im Leben, dabei erleben wir im Laufe der Zeit etliche kleine Tode auf dem Weg des Heranwachsens. Das kleine Mädchen, das du zum Beispiel mal warst, existiert nicht mehr. Nie, nie wieder wird es zurückkommen.
Und GENAU DAS GLEICHE gilt für deine Kinder. Sie werden nie wieder diese Kinder sein!
Pack die Zeit wie einen Stier bei den Hörnern und renn mit ihr so gut du kannst.
Pausier deine Selbstverwirklichung, aber achte auf dein Wohlbefinden
Jeder, der mir folgt, weiß: Ich schaffe neben meinem Kind relativ viel und von außen kann es schnell danach aussehen, als sei mir meine Selbstverwirklichung sehr wichtig.
Ist es aber nicht - und genau hier warne ich eindringlich:
Jede Art von Fort- und Weiterbildung oder Studium ist neben Baby nur sehr schwer möglich und ich würde auch immer davon abraten, ernsthaft so etwas anzugehen.
Don’t get me wrong: Ich studiere nebenbei Informatik. JA, ABER ich mache das nicht super ernst, eher als Hobby, und nur, wenn ich mal ein kurzes freies Zeitfenster habe, indem ich mich gerade eh nicht um mein Kind kümmern müsste. (Übrigens zahle ich dafür auch sehr wenig Geld - ich würde niemals viel Geld für ein Studium in Deutschland ausgeben, aber das ist ein anderes Thema…).
Wir haben alle völlig unterschiedliche Charaktere und Ressourcen. Die einen sind froh, wenn sie mal eine halbe Stunde ruhig auf dem Sofa sitzen können, die anderen brauchen einfach Input.
Ich bin tatsächlich eher wie ein Jagdhund (ganz ohne Bewertung!): Ich brauche richtig viel Auslauf, damit ich mich gut fühle. Und wenn ich mal Zeit für mich habe, dann brauche ich einfach Mathe oder das Klavier oder ich muss zumindest eine Fremdsprache lernen und dabei etwas Stricken.
Das sieht für Außenstehende so ziemlich wahnsinnig aus, aber es ist aus keinem Komplex oder keiner Störung gewachsen, sondern entspricht einfach meinem Charakter.
Und genau deshalb bitte ich dich, deinen Charakter zu achten - abseits von Wunschvorstellungen „Ich muss Karriere machen etc.“ (Karriere kann man eh nicht forcieren, entweder sie kommt oder nicht) und dich FÜR die neue Situation zu entscheiden.
Man kann nicht ernsthaft Medizin studieren UND sich dabei um ein Baby kümmern. Es geht zeittechnisch einfach nicht. Lass dein Leben in Ruhe, gib dich der neuen Situation hin, und schau, dass du nur die Dinge integrierst, die wirklich gehen.
Ich kann auch nicht zu 100% Informatik studieren! Nicht dass das noch jemand glaubt! Ich mache es nur ein bisschen, und nein, natürlich klappt es nicht, aber dafür mache ich es ja auch nicht. Ich möchte einfach nur ein bisschen komplexen Input haben, wenn ich mal ein bisschen freie Zeit habe - das war’s auch schon.
Also schau, was DU brauchst, wenn du mal freie Zeit hast.
Astrophysik? Super!
Ruhe und einen Latte? Genauso super!
Das neueste Wurmspiel zocken, wo du der größte Wurm werden willst, indem du alle anderen Würmer aufessen musst? VÖLLIG FEIN.
Es ist dein Leben und endlich hast du mal Zeit für DEIN Wohlbefinden.
Beurteile nicht, was du gerade brauchst!
Lass dich nicht gehen und werd kreativ
Viel Zeit hat man eh nicht, das Kind ist nur am Schreien, alles versinkt im Chaos und nun können wir alle die Hände in den Schoß legen und uns irgendwie durch den Tag schleppen.
Hauptsache überleben.
PLEASE DONT.
Ja, es ist schwer, ja, du hast sehr wenig Zeit, nein, du sollst dich dem nicht einfach überlassen.
Es gibt so gut wie immer irgendwelche Möglichkeiten, in die Dusche zu springen, eine kurze Morgenroutine zu pflegen und ein schönes Make Up aufzulegen.
Dazu noch ein hübsches Outfit.
Und was Frisches kochen.
Und hinter sich herräumen.
Sich gehen zu lassen ist nie und nimmer eine Option - weder im tiefsten Liebeskummer noch überfordert mit Baby.
Dass mal zwischendurch pures Chaos herrscht und du nicht wie aus dem Ei gepellt aussiehst - das meine ich nicht! Natürlich geht das alles nicht direkt, aber selbst im Schneckentempo kann man was schaffe, wie’s der Schwabe sagt.
Ich habe die Erfahrung gemacht, dass man Tag für Tag, sich und seine Routine neu erfinden muss. Was gestern nicht geklappt hat, kann heute funktionieren. Was gestern gut geklappt hat, muss heute leider nicht mehr funktionieren.
Werd kreativ! Man kann sich den Alltag mit Baby oder Kleinkind wirklich gut gestalten, wenn man kreativ wird.
Das Kleinkind lässt dich nicht in Ruhe duschen, aber was ist, wenn du ihm rohe Nudeln und Bauklötze zum sortieren in verschiedenen Schälchen auf den Badezimmerboden legst und es beauftragst, damit zu spielen?
Oder den Boden zu wischen? (Kleinkinder helfen so gerne im Haushalt btw).
Oder wenn du die Wippe fürs Baby ins Bad stellst?
Oder alle Tupperboxen beim Kochen aus der Schublade räumst, damit es alle wieder reinräumen kann?
Werd kreativ!
Denk dir irgendwas aus.
Übrigens klappt der Tipp auch wunderbar bei Trotzanfällen: Thema wechseln und eine ganz tolle Idee in Auftrag geben.
„Hier die Teebeutel. Wow, kannst du die bitte alle rausholen?“
Ich weiß, es ist auf Dauer sehr anstrengend, aber sich gehen zu lassen würde alles nur noch viel schlimmer und anstrengender machen.
Tu es aus Selbstliebe und kümmere dich um dich und deine Umgebung. Und um dein Kind haha, aber das tust du ja eh schon den ganzen Tag.
Du machst das sicherlich ganz super, und nach diesem Bootcamp Text wirst du einfach nur aufblühen in deiner neuen Rolle als Mama.
Da bin ich mir sicher.
Bisous
Lilith



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